Unvermindert treibt mich die Frage nach der Ordensberufung durch meinen Alltag und raubt mir immer wieder meine klaren Gedanken, da ich doch wie selten stark hin- und hergerissen bin, was mein eigentliches Wesen anbelangt.
Mir scheint, als wäre ich ein weniger guter Mensch, als ich dachte, nein, als ich mir erhoffte, denn es überkommt mich doch immer wieder ein böses Tun, das mir zeigt, wie wenig ich durchzuhalten vermöge. Ein tiefer, in mein abgründiges Sein eingebrannter Egoismus scheint nicht überwindbar, wohlmöglich nur mit einem langem schmerzhaften Prozeß, den anzugehen ich zu feige, zu schwach bin. Der Weg scheint zu riskant, zu viel zu fordern, als das ich ihn, auf meinen Lebensweg voraus- und zurückblickend, meine eigensüchtigen Wünsche und Träume betrachtend, guten Gewissens gehen könnte, denn wie könnte ich etwas tun, was mir widerstrebt. Ich zweifle an meinem Willen zur Umkehr.

Nun ist ein Punkt gesetzt, eine Pause auf diesem Weg, an dem ich nochmals genau auf mich blicke und fragen will. Teils bewußt habe ich mich somit in letzter Zeit von den Brüdern ferngehalten, um schlicht zu sehen was passiert, um im Kopf klar zu werden, um nicht im ständigen (Liebes)rausch zu taumeln. Denn in dem was man gerne tut, neigt man ja schnell dazu alles andere zu vergessen, man beginnt sich zu wünschen nie wieder etwas anderes tun zu müssen, was eben die Gefahr birgt, sich etwas einzureden. Auch wer in einem grünen Garten ist, wer unter Freunden ist, wer ein gutes Buch liest, ja wer in einer andächtigen Minuten betet, dem überkommt bald der Gedanke, dass diese schöne Zeit doch niemals enden möge. All diese Dinge tut man gern, auch sie können uns in einen süchtigmachenden Rausch versetzten, aber, das ist der Unterschied, wir wissen von ihnen, das alles Gute ein Ende hat, wie es sprichwörtlich heißt, und wir wissen, das diese Dinge nicht das ganze Leben sind.
Doch es gibt auch Dinge, bei denen fällt die Unterscheidung schwerer, zwischen Sucht (nach dem Schönen) und Leben, zwischem dem, was man immer wieder zum Selbstzweck sucht, was man selbst will, von dem man aber weiß, das es zu Ende geht und dem, was sich eigentliches Soll des Lebens nennt, was der Sinn, ja das Leben selbst ist, was wir schlicht Berufung nennen. Die Unterscheidung ist deshalb so schwer, weil wir beides wollen. Auch die Aufgabe der Berufung ist schön und angenehm und musst nicht gegen Widerwillen ausgeübt werden, aber es wäre wahrlich viel einfacher, wenn man nur das wollte, nur das wirklich mag und kann, ja, dass man nur von dem sagen könnte, das diese schöne Zeit doch niemals enden möge, zu dem man berufen ist. Doch im Laufe der Zeit hat sich der Mensch soviel Kultur, soviel Zivilistaion angeeignet, dass sich seine Bedürfnisse entsprechend entfaltet haben. Alles scheint möglich und vieles will getan werden und das durchaus (wenn auch nicht unbedingt) zurecht. Nur stellt sich die Frage: Was will der Mensch und was will Gott? Der Mensch scheint in seiner wachsenden Unentschlossenheit ein Opfer seiner Möglichkeiten zu werden, und dabei ist es noch nicht einmal so, dass er sich nicht entscheiden wollte. Aber er will sich eben richtig entscheiden, nicht nur für einen kurzen Spaß, für ein kurzes Verliebt-Sein, eine Schwärmerei, sondern für die Erfüllung, für die große Liebe, für die naturgegebene Bestimmung dieses einen Lebens.

Wie kann man also der damit einhergehenden Qual entgegenkommen? Indem man prüft, ob das, von dem man glaubt, es könnte eine Berufung sein, nicht doch “nur” ein Ding ist, das man gerne tut und hat, sondern die wirkliche Aufgabe ist, für die man innerlich brennt, von der man nicht ablassen kann und will. Gerade dies, so scheint es mir, läßt sich nur in stillen Momenten mit sich selbst, in Abstinenz vom “Objekt der Begierde” prüfen. Rainer Maria Rilke gibt gleichermaßen in seinen Briefen “an einen jungen Dichter”, welcher von dem alten Meister bittend fragt, wie er wissen kann, ob er ein Schriftsteller sei, treffend bescheid über das, was Berufung heißt, wenn er diesem schreibt: “Sie sehen nach außen, und das vor allem dürften Sie jetzt nicht tun. Niemand kann Ihnen raten und helfen, niemand. Es gibt nur ein einziges Mittel. Gehen Sie in sich. Erforschen Sie den Grund, der Sie schreiben heißt; prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müßten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben. Dieses vor allem: fragen Sie sich in der stillsten Stunde Ihrer Nacht: muß ich schreiben? Graben Sie in sich nach einer tiefen Antwort. Und wenn diese zustimmend lauten sollte, wenn Sie mit einem starken und einfachen ich muß dieser ernsten Frage begegnen dürfen, dann bauen Sie Ihr Leben nach dieser Notwendigkeit; Ihr Leben bis hinein in seine gleichgültigste und geringste Stunde muß ein Zeichen und Zeugnis werden diesem Drange. Dann nähern Sie sich der Natur. [...]
Vielleicht aber müssen Sie auch nach diesem Abstieg in sich und Ihr Einsames darauf verzichten, ein Dichter zu werden (es genügt, wie gesagt, zu fühlen, daß man, ohne zu schreiben, leben könnte, um es überhaupt nicht zu dürfen). Aber auch dann ist diese Einkehr, um die ich Sie bitte, nicht vergebens gewesen. Ihr Leben wird auf jeden Fall von da ab eigene Wege finden, und daß es gute, reiche und weite sein mögen, das wünsche ich Ihnen mehr, als ich sagen kann.”

Hier geht es nun zwar ums schreiben, aber wie richtig sind diese Worte trotzdem. Gehe ich in mich und frage mich all diese Fragen, so komme ich letztlich zu dem knappen Ergebnis, dass ich keineswegs todunglücklich sterben müsste, in einem Leben ohne die Ordensgemeinschaft. Und es genügt auch hier, wie beim Schreiben, nur zu fühlen, dass man auch ohne dieses Leben, leben könnte, um es überhaupt nicht zu dürfen. Wie falsch wäre ich anderenfalls. Ich komme also, kurz gesagt, in dieser Zwischenbillanz zu dem vorläufigen Ergebnis, dass ich wohl nicht zu einem Ordensleben berufen bin. Aber dennoch bleibt die Tür offen und ich vertraue weiterhin zuversichtlich auf Gott, dass er mich auf dem richtigen, meinen Weg führt – noch nichts ist entschieden.

Was hat mich aber zu diesem Ergebnis geführt, sicher nicht nur das Vorstellen können eines Lebens außerhalb eines Ordens, dass wäre dann doch zu kurz gegriffen. Nein, es muss immer wieder die Motivation hinterfragt werden, die einen solchen Schritt rechtfertigen könnte. Und diese Motivation tritt wie von allein wesentlich klarer zu Tage, wenn man sich, wie schon gesagt, dem Gewünschten enthält. Man merkt allmählich innerlich, ob dort eine tiefe Liebe zu diesem Leben brodelt, man merkt aber auch, ob es einem zunehmend schlechter geht, ob eine schmerzhafte Unzufriedenheit und Leere auftaucht, die vorher nicht da war. Sollte dies nicht geschehen, wie bei mir, obwohl freilich das Gefühl aufkam, dass etwas fehlt und das man einen Verlust zu tragen hat, und scheint das Leben offenbar normal weiterzugehen, sei es, weil man in Arbeit versunken ist oder schlicht zu vergessen beginnt, ist es an der Zeit zu reflektieren, was einen, d.h. mich immer wieder zu den Brüdern zog und den Gedanken wachsen ließ, möglicherweise berufen zu sein.
Ich bin leider, wie ich oben schon erwähnte, doch schwächer als ich erhoffte, denn es ist schlicht der Wunsch nach Aufmerksamkeit und Zuneigung, vielleicht sogar nach Liebe und Sicherheit, ein Bruchteil ist sicher auch ehrliche Andacht. Es ist der verzweifelte Kampf gegen die Einsamkeit und die Suche nach Einfachheit in einer verrohten und komplizierten Welt. Und es ist der egoistische Wunsch etwas Besonderes tun zu wollen – der Kampf gegen die Banalität des eigenen Daseins.

Und doch, doch, doch ist der Wunsch immer wieder da und vielleicht ist es doch so, wie ein Bruder sagte, das man nicht wirklich wissen kann, ob man berufen ist, niemals. „Wenn man den Wunsch hat, muss man es einfach nur tun. Man muss es einfach ausprobieren, dafür ist schließlich das Noviziat da. Und dann muss man sich entscheiden.“ Vielleicht ist es so. Vielleicht…

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