Gott ist da! Wo bin ich?

31. Januar 2007

Die Zeit die ich unter den Brüdern meiner bevorzugten Ordensgemeinschaft verbringe beschert mir doch immer wieder tiefen Frieden und Gelassenheit. Zugleich ist aber eine innere Aufgeregtheit da, die stets das Herz höher schlagen lässt, und die mir sagt das ich mehr davon will. Diese Unruhe braucht es, ließ ich mir vor kurzem sagen. Nicht nur im Bezug auf das Ordensleben, der Frage nach Berufung oder ähnlichem, sondern im Leben eines jeden Christen. Seine erste Aufgabe sei es nämlich nicht, abgebrüht seinen christlichen Pflichten nachzugehen, auch sei er keineswegs zuerst da, um zu bekehren und fromm immer weiter neue Menschen von der Richtigkeit unseres Glaubens zu überzeugen, beharrlich also dauernd sein Christ-sein zu verteidigen, sondern zuerst muss ich mich selbst stets fragen und überzeugen. Es kann doch nicht sein, das ich Gott nicht finden will, ihn nicht erkennen will – abgesehen davon, begreifen kann ich ihn nicht, erkennen aber wohl. Es muss mich doch eine stetige Unruhe treiben die immer alles verstehen will, wissensdurstig wie Kinder müssten wir sein, die ihre Väter frage “Was tust Du? Warum? Wie?”. Ganz wollen wir unseren Vater erkennen und keine Ruhe finden bis wir ihn schauen. Und wie kann ich es wagen meine Stimme zu erheben und vom ganzen Vater sprechen, sagen, ich wüsste wer er ist, wenn ich doch nichts weiß. Unserer Wissen über ihn kann immer nur Stückwerk sein. Und im ständigen Selbstbefragen, ob und wie ich jenes Glauben kann, erweitere ich mit jeder Antwort das geheimnisvolle Mosaik um einen Stein, festige mich so selbst und kann dann auch, im weiteren Schritt, anderen Menschen davon berichten.

Eines wissen wir aber gewiss: Er ist! Das ist die Kernbotschaft des Alten Testaments, das ist der Glaube Israels. Gott ist der “Ich bin da!” Und dies ist der größte Trost den wir haben können, denn Gott ist wahrhaft da, an ihn können wir uns werfen, zu ihm können wir flehen, betteln, schreien. Und alles wird so zum Bekenntnis. Alles preisen, aber vor allem auch alles Klagen. Denn wie immer wir zu Gott sprechen, preisend, klagend, anklagend, immer wurzeln die Worte und Sätze in der Gotteswirklichkeit, dass ER da ist und da sein will inmitten seines Volkes. Gott ist ein Gott der Menschen, das ist gewiss.
Und so kann jedes Klagen, Schreien, Fluchen und Rache schwören, wie wir es in den Psalmen haben, Ausdruck einer leidenschaftlichen Direktheit sein, die irritieren kann, die aber bloß das Leiden am Bösen ausspricht, die den Skandal des Unrechts und die Verzweiflung ausdrückt, weil dem Menschen nichts anderes übrig bleibt, als eben dieser leidenschaftliche Schrei zu Gott, wo doch eigentlich alles gegen Gott spricht. Und gerade darin erkennen sie Gott an, beschwören seine Gerechtigkeit, geben ihm Recht und überlassen ihm das letzte Wort, überantworten ihm alles, selbst Hassgefühle und Aggression. Sie machen ernst mit der biblischen Grundüberzeugung, dass man im Gebet alles, wirklich alles sagen darf, wenn man es nur Gott sagt.

Und der durch Jesus Christus handelnde Gott ist kein anderer, als der des Alten Testament. Er ist heute noch immer da. Das gibt mir Frieden und Trost, zu wissen das ER da ist, meine Zuflucht. Und doch werde ich niemals ganz zur Ruhe kommen darüber nachzusinnen. Ich bin immerfort ein Gottsuchender. Denn wie der Gott der Verheißung begnügt sich auch der Gott der Erfüllung, der der selbe ist, nicht mit einem unentschiedenen, aber frommen Abwarten des Menschen. Er ruft in die Entscheidung, weil er den Menschen ernst nimmt. Er, der den Namen trägt „Ich-bin-da“, will doch, dass der Mensch ihm ähnlich sei, dass er seinerseits antwortet: „Da bin ich“. So gehört zur Verheißung Gottes immer auch seine Frage nach dem Menschen: „Wo bist du?“ (Gen 3,9). Ja, wo bin ich?

Eine Antwort zu “Gott ist da! Wo bin ich?”

  1. georg sagte

    1. Ich habe den dringenden Verdacht, dass die bewußte ordensgemeinschaft die ist, in der auch ich mich am liebsten aufhalte(n würde, wenn ich mehr Zeit hätte…)
    2.Genau das ist es: die Unruhe, zu suchen und zu fragen darf uns nie verlassen, sonst wird unser Christsein mit einem schlag fahl wenn nicht faul….
    3.Die Erkenntnis, dass jesu Vater der Gott Israels ist und bleibt, ist leider noch immer nicht bis zu allen Katholiken und Christen vorgedrungen….

    kurz: DANKE für diesen Beitrag

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